Verlieren und loslassen

Wer je über das Leben nachdenkt, stößt unvermeidlich
auf die fundamentale Ohnmacht des Menschen.
Jeden Tag passieren viele Dinge, bei denen du
nichts machen, nichts ändern, nichts verhindern kannst,
ob du viel oder wenig Geld hast, ob du einsam und bedrückt
oder scheinbar unbeschwert und sehr erfolgreich bist.

Du bist und bleibst als Mensch ein Verlierer.
Du kannst nichts festhalten. Alles fällt dir durch die Finger.
Du träumst, du baust, du feierst Triumphe,
und auf einmal ist das Leid da, das Alter, die Nacht.
Manchmal plötzlich wie ein Blitz.
Ein Unfall, sagt man, ein schreckliches Unglück.
Du kennst Menschen mitten im Leben, jung und alt,
die ausfallen, verschwinden, nie mehr zurückkommen,
vielleicht sehr liebe, nahestehende Menschen.
Du möchtest sie festhalten, so wie dich selbst.
Du möchtest, daß ein glücklicher Augenblick
nie vergeht, daß ein schöner Tag nie endet.
Und mußt doch loslassen, an jedem Abend einen jeden Tag.

Als Verlierer darfst du deine Verluste nicht ewig beweinen.
Denn erst wenn du deine völlige Ohnmacht erfahren hast,
wirst du reif für Gott, und alles bekommt Sinn und Ziel:
deine Angst, dein Leid, dein Gesundsein, dein Kranksein,
dein Leben und dein Sterben.
Erst wenn am anderen Ufer kein Gott wäre,
keine unsterbliche Liebe, wäre alles sinnlos, absurd.